tagebuch


28.07.07


Force Attack (von Andi)



Freitagabend: Ungläubiges Staunen im beschaulichen Unterwaldhausen als klar wird, dass wir tatsächlich einen Band-Tischkicker gekauft haben. Damit ist der entscheidende Schritt, der die Band auf ein neues Level bringt, getan. Mit vollem Elan also ab nach Mössingen, aber halt, was fehlt? Dopfi´s Kasten Bier und unser Organist. Kurze Diskussion, ob es weniger Arbeit ist, das Keyboard auszuladen, oder auf Charly zu warten. Da niemand mehr aufstehen will, warten wir halt in Gottes Namen.

In Mössingen angekommen macht sich blankes Entsetzen breit: Da steht doch glatt schon ein Kicker. Frechheit. Dafür stehen auch ne ganze Menge Leute da, was etwas entschädigt. Und man hat uns einen Tennisplatz bereitet, doch wir haben Angst vor fiesen Zerrungen, also beschränken wir uns auf unser eigentliches Metier: Trinken.

Auftritt läuft, Publikum kocht und Punkt Mitternacht ist auch alles wieder vorbei.

Da wir noch auf Andy und Frickinacko warten müssen, wird Charly noch der Marsch geblasen und weitergetrunken. Wir lernen nette Mädels kennen, die sich auch sofort bei Herrn Dr. Medel in Behandlung begeben.

Irgendwann muss aber auch mal Schluss sein, also gegen drei Uhr ab in den Bus und die Force-Attack-Fahrt begonnen. Kurzer Zwischenstopp in Stuttgart beim Jetset und dann Vollgas. Manne fährt 700 Kilometer zackig und ohne irgendwelche Vorkommnisse, Andi setzt sich ans Steuer und findet in der ersten halben Stunde direkt nen ordentlichen Stau.

Trotz allem noch rechtzeitig in Behnkenhagen angekommen wird uns klar auf was wir uns da eingelassen haben. Das Zeltlager gleicht einem Mittelalterlichen Belagerungsring mit gleichzeitigem Rittergelage. Diverse Supermärkte der Region mussten ihren Einkaufswagenfuhrpark opfern, damit die Punker ihr Bier auch standesgemäß transportieren können. Naturgemäß wird selbst vom Campingplatz zum eigentlichen Areal noch versucht zu trampen und mal vorsichtig geschaut, ob eventuell ein Bier abgreifbar ist. Wild.
Im Backstage angekommen stechen sofort die sanitären Einrichtungen ins Auge: Ein Gartenschlauch als Dusche und eine stattliche Reihe Dixies für den Rest. Also war klar, hier hätte sich Charly wohl gefühlt wie die Made im Speck. Dann erstmal im Festivalbüro sportliche 100 Biermarken bekommen und nach einem Platz im Backstagecampingplatz neben Pöbel und Gesocks, den Pestpocken und wenn möglich hinter den Zaunpfählen gesucht. Erste Amtshandlung war dort natürlich den Kicker aufzubauen und zu entjungfern. Team moskovSKAya 1 hat dabei Bad Shakyn 1 eine derartige Packung verpasst, dass darauf erstmal ein ordentliches Frustbier für die Jungs fällig war. Aus dem Cateringzelt schon die ersten Autogramme für Lyn und Jayle geschrieben, Mandy, Nancy, Jacqueline und Chantall waren noch mit ihren Freunden Ronny, Maik und Dennis zu Gange.

Erster Rundgang über´s Gelände: Hier geht´s nicht nur um Musik, hier wird auch Politik für die Welt gemacht. Der Kanzlerkandidat der APPD, gleichzeitig Sänger der Kassierer, hält nackt eine Rede zur Lage der Nation und erläutert das Festivalmotto: Arbeit ist scheisse und Fick heil. Aha, hier sind wir richtig. Nur manche von uns nehmen es damit nicht so genau, denn freiwillig ist die hannoveranische Fotografin neben uns sicher nicht alleine in ihr Bett.

Vor der Bühne wird klar, dass die sanitären Verhältnisse hinten im Backstage für Punker ähnlich wie für den Normalsterblichen die im Ritz Carlton sein müssen. Hier vorne wird gepisst, wo man gerade steht. Und nicht nur das, zumindest riecht es ordentlich nach Scheisse, Hunde sind aber auf dem Gelände verboten Einziger Lichtblick bei den Essensständen, denn da steht: Wer hier pisst, bekommt eins in die Fresse. Wörtlich.

Nach weiteren mehr oder weniger harten Tischkicker-Matches machen wir uns mal auf zu unserem Auftritt. Was man nicht gedacht hatte, hier sind wirklich Profis am Werk. 20 Minuten für Aufbau und Linecheck, alles optimal organisiert und nochmal ausreichend Zeit Bier zu holen.

Angesagt von einem Punker mit himmelblauer Sonnenbrille und undefinierbarer Frisur legen wir los, und zwar wie die Feuerwehr. Das wird auch den Punkern klar, das Zelt bricht aus allen Nähten und hinter und neben dem Zelt ist ebenfalls ein riesen Gedränge. Wir waren überrascht und überwältigt zugleich. Erst recht, als sich rausstellte, dass das Zelt bei keiner anderen Band auch nur annähernd so voll wird. Wie es sich für Punker gehört wird getanzt bis der Arzt kommt, geschrien, gesoffen und uns alles abverlangt. Als Andi bei der letzten Zugabe in den Bühnengraben geht, kostet ihn das fast nicht nur die Hose. Nach einer Show mit allem was dazu gehört, gefühlten 20 Songs in 45 Minuten, Pogen, Stagediven etc. ist für uns Schluss und nachdem noch kurze Interviewwünsche erfüllt werden ist klar, jetzt geht´s zum gemütlichen Teil.

Jede Menge Bier und zahlreiche illustre Getränke (neongrüne Wodkabowle???) später wird klar, wer hier die Massen noch besser als wir im Griff hat. Pöbel und Gesocks und Loikämie (ja, oikämie) haben Texte, die hier jeder kennt. Kostprobe? Gerne: Gute Worte, schlechte Taten, wir sind Deutschlands Saufsoldaten Da wird nicht nur gefeiert, da wird mit allerlei Zeug geworfen, sich nackig gemacht, und gepogt bis der Arzt kommt. Mitten drin statt nur dabei Manne, Fetz und Frickinacko, die bei jeder Band abgehen, als gäbe es kein Morgen. Andere brechen bei dem Tempo einfach zusammen. Arbeit für die Sannis, die hier wohl aus ganz Meck-Pomm herbeordert wurden. Läuft aber sehr unauffällig und scheint bei Punkern zur Tagesordnung zu gehören. Apropos Tagesordnung, dass ein Bier nur einen Oiro kostet hält natürlich nicht davon ab, trotzdem entweder selber Öttinger zu importieren oder entweder nach Geld oder einfach Bierschlücken zu schnorren. Wer das nicht verstanden hatte war Basti, lässt sich ohne Worte sein Bier abnehmen und beschwert sich erst später bei der Band drüber. Hat wohl das Elementare Grundverständnis für Punker nicht mitbekommen.
Nachdem wir der traditionellen Müllschlacht auf den Campingplätzen entgangen sind und die Nacht hereingebrochen ist, wird weitergetrunken, die Bands werden lauter, leider nicht unbedingt besser, und auch die Punker verteilen sich zunehmend über das ganze Gelände. Gegen 2 Uhr hört die letzte Band auf, macht aber nichts, nicht nur die Getränkestände haben durchgehend offen, sondern auch die Konserve spielt in infernalischer Lautstärke Gitarrengeschrammel nachdem keine Band mehr spielfähig ist. Die Bands haben sich mittlerweile nämlich alle im Cateringzelt versammelt, das sich ab elf in eine Cocktailbar verwandelt hat. Als die meisten ins Bett gehen, hat nur einer noch nicht genug. Frickinacko. Nach ersten vergeblichen Abgrabversuchen findet sich doch noch eine Punkerin die ihm gefällt und mit der noch was geht. Manne musste schon präventiv das Zelt räumen, bis dahin hat Frickinacko es aber nicht mehr geschafft. Als wir ihn finden, liegt er auf zwei Bänken im Cateringzelt und ist nicht wachzukriegen. Nach etlichen Versuchen kommt unser Zappelphilipp aber doch noch irgendwann zu sich und nach einem Kaugummi und etwas Kaffee sieht die Welt auch gleich viel besser aus. Was genau und vor allem wo er es aber dazwischen getrieben hat bleibt sein Geheimnis. Diagnose: Filmriss.

Abfahrt nach Hause. Wieder fährt Manne den VIP-Shuttle ohne Probleme und Medi kommt rechtzeitig auf seinen Flieger in Berlin. Irgendwo in den Tiefen der ehemaligen DDR wird getauscht, Andi fährt wieder und diesmal wird ein richtig amtlicher Stau schon nach wenigen Kilometern ein ordentlicher Stau gefunden. Innerhalb von 3 Stunden schaffen wir gerade mal 100 km, in denen aber 3 Staus gelauert haben. Kleiner Zwischensprint, aber als der Staufinder wieder zuschlägt ist Schluss, Fahrerwechsel, Basti fährt, der Rest kümmert sich um Water-Woman. Der gefällts aber im Bus nicht, daher fliegt sie in hohem Bogen auf den Mercedes neben uns und ward nie wieder gesehen.

Desillusioniert, übermüdet und mit deutlichen Sprachproblemen kommen wir nach 13 Stunden Fahrt wieder in Unterwaldhausen an. Und eins ist klar, da müssen wir wieder hin.